Deutsche Superinvestoren aus Graham- und Doddsville

Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein wertvoller Ratgeber für die Anhänger der wertorientierten Anlagestrategie: Die Vorgehensweise orientiert sich an den tatsächlichen Vermögenswerten eines Unternehmens. Emotionale Befindlichkeiten der Anleger bleiben außen vor. Das Buch will dem Anleger die Grundlagen der fundamentalen Wertpapieranalyse vermitteln.

Dem Anspruch werden die beiden Autoren gerecht: Im ersten Teil erklärt der angesehene Finanzprofessor und Value-Praktiker Max Otte, wie Value Investing funktioniert. Otte führt den Leser durch den Anlageprozess und gibt zahlreiche Tipps, welche Besonderheiten bei der Unternehmensauswahl zu beachten sind.

Hier zeigt sich der Nutzwert für die Börsenpraxis: Begriffe wie Substanz- und Ertragswert werden erläutert, zuverlässige Informationsquellen genannt. Seine Ausführungen veranschaulicht Otte anhand zahlreicher Beispiele.

Im zweiten Teil des Buches stellt der Finanzjournalist Jens Castner erfolgreiche Value-Investoren und deren Anlagephilosophien vor. Dem Leser bietet dies die Möglichkeit, die verschiedenen Spielarten der Methode kennen zu lernen. 

Unsere Empfehlung:

"Deutsche Superinvestoren aus Graham- und Doddsville" sollte jeder Anleger gelesen haben, der sich mit dem Thema Value-Investing ernsthaft beschäftigen will.

Andreas Hoose, Geschäftsführer Antizyklischer Aktienclub

AAC-Gesellschafter Ulrich Konstanzer hat sich das Werk ebenfalls angesehen und kommt zu folgendem Urteil:

Price is what you pay, value is what you get.

Die Autoren stellen einleitend fest, dass der Titel des Buches korrekterweise „Deutschsprachige Superinvestoren aus Graham- und Doddsville“ lauten müsste, da Value-Investing u.a. in der Schweiz ernsthafte Vertreter habe.

Der Wormser Fachhochschulprofessor Otte erörtert zunächst die Grundlagen des Value-Investing. Anschließend stellt der Journalist Jens Castner acht erfolgreiche Value-Investoren aus Deutschland und der Schweiz vor. Im dritten Teil reicht Otte die Bestimmung von Barwerten und Probleme bei der Ermittlung von Kapitalkosten nach.

In den Grundlagen geht Otte auf die Definition des Value-Investing ein, begründet, warum diese funktioniert und widmet sich intensiv dem wertorientierten Anlageprozess:

Suchstrategien werden genannt und auch so genannten "Anti-Suchstrategien" vorgestellt, wie etwa der Rat, Firmen aus kapitalintensiven Branchen oder IPOs zu meiden. Nach Ansicht Ottes sollten sich Anleger statt dessen auf Aktien aus unpopulären Branchen konzentrieren, oder auf Firmen, deren Aktienkurs stark eingebrochen ist.

Die unterschiedlichen Facetten des Value-Investing und die zahlreichen Bewertungsmethoden, etwa die Bestimmung von Substanzwert und Ertragswert, werden ebenso behandelt, wie die Möglichkeit, als Value-Anleger in Wachstumsaktien zu investieren.

Im zweiten Teil stellt Jens Castner acht erfolgreiche Value-Investoren vor, beleuchtet Werdegang und Anlagestil. Ein Interview rundet das Portrait ab. Dabei geht es um Fragen wie:

Was ist für Sie Value?

Gibt es typische Eigenschaften eines Value-Anlegers?

Ihre drei besten Anlagen?

Ihre drei größten Flops?

Welche Kennzahl ist für Sie am aussagekräftigsten?

Was ist Ihre Lieblingsaktie?

Befragt werden unter anderem Hendrik Leber, Thomas Braun und Max Otte selbst. Bei der Antwort auf die Frage nach den erfolgreichsten Investments des Professor Otte muss der Leser schmunzeln, da die Werte aus den Fallstudien stammen.

Insbesondere der erste Teil des Buches ist nüchtern und trocken verfasst. Wichtige psychologische Aspekte werden tendenziell zu kurz abgehandelt. Die Portraits der erfolgreichen Value-Investoren aus dem deutschsprachigen Raum bleiben oberflächlich und kommen über das reine Vorstellen der Personen nicht hinaus.

Der Untertitel dieses Buches „Erfolgsgeheimnisse der besten Value-Investoren“ ist manchem zu reißerisch und wird nicht konkret beantwortet, da die vorgestellten Personen eher allgemeine Tipps geben. Kritisch anzumerken ist auch, dass diese eine gemeinsame intellektuelle Herkunft zu haben scheinen, in Punkto Anlageerfolg aber nur in einem Fall überdurchschnittlich abschneiden, und zwar Braun, von Wyss & Müller, deren ältester Fonds bis Mitte 2006 18,5 Prozent Nominalrendite pro Jahr erreichen konnte.

Die Fonds-Performances der anderen vorgestellten Anleger werden entweder nicht angegeben, entwickelten sich unterdurchschnittlich oder ihre Fonds wurden erst vor Kurzem aufgelegt.

Im Anhang findet sich das Protokoll der Gründungsversammlung des „Zentrum für Value-Investing“, dessen Zweck die Verbreitung des Wissens um Value-Investing ist. Vier der neun Gründungsmitglieder, insbesondere Otte und Leber als gewählte Vorsitzende, werden in diesem Buch als erfolgreiche Anleger vorgestellt. Ein Mitgliedsantrag für die fast 1.000 Euro teure Mitgliedschaft im Jahr ist ebenfalls abgedruckt. Den Vereinsmitgliedern unterstelle ich selbstredend ernsthafte Absichten bezüglich des gemeinnützigen Vereinszweckes, gleichwohl bleibt ein Hauch von Interessensvermischung, da die Fonds eines jeden in dem Buch portraitierten Value-Anlegers gleich mit vorgestellt werden.

Positiv anzumerken ist der theoretische Teil des Value-Investing, in dem Otte umfassend über Suchstrategien und aktuelle wertorientierte Bewertungsmethoden unter besonderer Beachtung der Kapitalkosten informiert. Erfrischend sind die beiden Fallstudien. Ein weiterer Vorteil ist die Aktualität, da der Titel in 2007 erschienen ist und auf aktuelle Geschehnisse eingegangen wird, wie etwa den Kurssturz bei Bijou Brigitte.

Dieses Buch dürfte als Alleinstellungsmerkmal den Fokus auf den deutschsprachigen Raum besitzen. Üblicherweise stammen Value-Bücher aus den USA. Die Bewertungsbeispiele werden anhand deutscher Werte dargestellt und bieten dem Leser eine nicht zu unterschätzende Transferleistung und leichtere Nachvollziehbarkeit der Argumente des Value-Investing.

Zwar ist der Stil trocken, allerdings kommt das Buch ohne die für US-Anlagebücher so typischen Verhaltensregeln aus. Man belässt es bei einer Darstellung der Fakten.

Der Nutzen für mich als antizyklischer Anleger sind einige neue Aspekte: So kommt eine in 2003 erstellte Studie zu dem Ergebnis, dass Suchstrategien dann besonders erfolgreich sind, wenn Insiderkäufe, ein geringes Verhältnis von Kurs zu Nettoumlaufvermögen oder ein vorangegangener Kursverfall vorlagen.

Wegen des langfristigen Geschäftsinteresses der Familienanteilseigner betont Otte die Vorteilhaftigkeit von Anlagen in familiengeführten Aktiengesellschaften.

Auch Spin-Offs würden fälschlicherweise wenig beachtet. Wegen der Nichtzugehörigkeit zu wichtigen Indizes stünden diese nicht im Anlagefokus von Institutionellen, hier liege die Chance für den Privatanleger.

Beispiele seien Salzgitter, Lanxess, Hypo Real Estate, oder Praktiker.

Neben zahlreichen Literaturhinweisen werde ich das empfohlene Buch von John Burr Willams „The Theory of Investment Value“ von 1964 studieren, da es laut Otte ein Standardwerk für den value-orientierten Anleger ist und Profundes in Branchenanalyse und Unternehmensbewertung zu bieten hat.

Fazit:

Der Titel ist als Lektüre und Nachschlagewerk, insbesondere  im Hinblick auf die vielen Bewertungsmethoden, für jeden Value-Anleger empfehlenswert.